Littenweiler-Bewohnerin war Vorbild für Lady Chatterley

Frieda von Richthofen lebte einst in Littenweiler in einem Pensionat für höhere Töchter – und wurde später zu Lady Chatterley.

Frieda von Richthofen

Frieda von Richthofen Foto: Verlag Kindler

Standesgemäß besuchten junge Damen im 19. Jahrhundert ein Mädchenpensionat – wie jenes in Littenweiler: das „Höhere Mädchenpensionat Eichberghaus“ in der Eichbergstraße 2.

Sicherlich ausschlaggebend war die Tatsache, dass Littenweiler weit weg von der Stadt Freiburg mit ihren eventuell schädlichen, modernen Einflüssen auf die jungen Damen lag. Denn Littenweiler war immer ein ärmliches Dorf, geprägt von einer bäuerlichen, dann handwerklichen Struktur – die Höfe lagen auseinandergezogen entlang der heutigen Littenweilerstraße (Unterdorf), der Alemannenstraße (Hinterdorf) und der Sonnenbergstraße (Oberdorf). 1880 lebten in Littenweiler 528 Menschen, es folgte bis 1910 jedoch ein bemerkenswerter Bevölkerungsanstieg auf 1 048 Einwohner.

Zu jener Zeit schrieb der englische Autor Herbert David Lawrence an seinem wohl bekanntesten Buch „Lady Chatterley’s Lover“ (Lady Chatterley’s Liebhaber). Während Lawrence sich im Roman als „Mellor“ darstellt der wie er, an einer Lungenkrankheit leidet, kann seine Frau Frieda von Richthofen als Vorbild für Lady Chatterley angenommen werden. Das vermutet auch Frieda von Richthofens Biograph Robert Lucas, der sich wunderte, dass bis dahin „seltsamerweise (…) noch keine einzige Biographie der Frau verfasst worden (ist), mit der er ,auf und davon ging’, die seine eigene Gattin wurde und das Vorbild jener berühmten und berüchtigten „Lady Chatterley“.

Emma Maria Frieda Johanna Freiin von Richthofen wurde am 11. August 1879 in Metz geboren. Ihr Vater Friedrich war in der Verwaltung Lothringens tätig, ihre Mutter Anna Marquier war die Tochter eines Donaueschinger Rechtsanwalts. Als es an die standesgemäße Erziehung der insgesamt drei Richthofen-Töchter ging, nahm die Baronin Kontakt zu ihren beiden Jugendfreundinnen Julie und Camilla Blaß auf. Die beiden unverheirateten Schwestern leiteten das „Höhere Mädchenpensionat Eichberghaus“ in Littenweiler.

Im Dorf vor den Toren Freiburgs schlossen sich langsam die Lücken zwischen den mittelgroßen rund 15 „Schwarzwaldhöfen“ mit kleinen, neuen Gebäuden. Auf die Höhe zog es (noch) niemanden, denn seit dem 18. Jahrhundert wurden am Eichberg Reben angebaut und auf der im Gemeinschaftsbesitz befindlichen Weidefläche, der Eichberg-Allmende, grasten friedlich die Kühe.

Der einsetzende Rückgang der Landwirtschaft zog auf den frei werdenden Lagen mit ihrer Aussicht ins Dreisamtal nun gutsituierte und bauwillige Interessenten an. Die Eichbergstraße wurde ausgebaut und entlang dieser Straße entwickelte sich ein Villenviertel mit repräsentativen Gebäuden, wie eben dem Eichberghaus.
Littenweiler bekam mit der Eingemeindung nach Freiburg zum Jahresbeginn 1914 zudem städtischen Glanz, der sich im Bau des Bahnhofs 1915 und einem Haltepunkt der Höllentalbahn niederschlug, dem die Anbindung an das Straßenbahnnetz folgte. 1925 wurde das neue repräsentative Schulhaus gebaut. Die Wasser- und Stromversorgung war bisher schon gewährleistet, wurde jedoch mit dem Anschluss an eine Kanalisation auf städtisches Niveau gehoben.

Frieda von Richthofen und auch ihre Schwestern Else und Johanna wurden im privaten Bildungsinstitut in Littenweiler aufgenommen. Das genaue Datum ist nicht bekannt. Frieda jedenfalls verließ Littenweiler im Jahr 1897. Ihre emanzipierte Schwester Else studierte als eine der ersten Frauen in Heidelberg bei Max Weber, heiratete den Nationalökonomen und späteren bayrischen Finanzminister Edgar Jaffé und war 1900 die erste Frau, die in den badischen Staatsdienst übernommen wurde.

Frieda hingegen genießt ebenso emanzipiert und unbeschwert das Bohème-Leben in Metz und Berlin. Bei einem Besuch in Freiburg lernt sie bei den Blaß-Schwestern den englischen Dozenten Ernest Weekley kennen. Er umwirbt die knapp 20-jährige Schönheit, und sie gibt seinem Werben nach – am 29. August 1899 findet die Trauung in der anglikanischen Kirche an der Turnseestraße statt. Der berufsbedingte Umzug mit ihrem Mann nach England in die düsteren Kohlenreviere von Nottinghamshire ist der Beginn einer zwölfjährigen Leidenszeit, über die sie auch die Geburt ihrer drei Kinder Montague, Elsa und Barbara nicht hinweg trösten. Später wird sie einmal schreiben: „Ich lebte damals wie eine Schlafwandlerin in einem konventionell festgelegten Leben“, in dem sie auch durch zwei handfeste Affären nicht zum „Aufwachen“ kommt. Doch 1910 lernt sie Weekleys Schüler D. H. Lawrence kennen und beide verlieben sich ineinander. Zwei Jahre später verlässt sie von einem Tag auf den anderen ihren Ehemann und die drei Kinder und „brennt“ mit Lawrence zuerst nach Metz durch. Frieda schreibt: „Lawrence zog mich auf die eine Seite, meine Kinder auf die andere“.

Gemeinsam reist das Paar nach München, nach Tirol, nach Gargano an den Gardasee, an den Golf von Spezia, immer verfolgt von mahnenden Hinweisen ihres Mannes, der Eltern, der Verwandtschaft, das ungebührliche Verhältnis aufzugeben und wieder zurückzukommen. Lawrence hat diesen Zeitabschnitt in seinem Roman „Mr. Noon“ verarbeitet, indem er seinen Protagonisten ebenfalls kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Geliebten durch ganz Europa ziehen lässt. Nach schweren inneren Kämpfen verlangt Frieda die Scheidung von Weekley – am 13. Juli 1914 heiraten Lawrence und sie in London. Es folgen unstete Wanderjahre zuerst in England selbst, bis man Lawrence gar feindliche Spionagetätigkeit vorwirft und ihn aus Cornwall ausweist. Während des Ersten Weltkriegs mit einer Deutschen verheiratet zu sein, zudem einer Verwandten des berühmten Jagdfliegers und „roten Barons“ Manfred von Richthofen, gerät nicht gerade zum Vorteil des Paares.

Die letzten Lebensjahre der Lawrences sind von zeitweiligen literarischen Erfolgen und gewonnenen Prozessen seiner Verleger um die Herausgabe der skandalträchtigen Werke gekrönt; Italien, Malta, Ceylon, Australien, Tahiti und schließlich die USA heißen die weiteren Lebensstationen. In der Künstlerkolonie um Taos Pueblo treffen sie die Millionärin Mabel Luhan und deren indianischen Partner Tony. Da sich Lawrences Gesundheitszustand im gesunden, trockenen Klima New Mexicos erholt, nehmen sie das Geschenk Mabels an und ziehen in die „Kiowa Ranch“, ein 25 Kilometer entfernt liegendes Blockhaus. Das primitive Leben auf 2 500 Höhenmetern an den Abhängen der Rocky Mountains wird unterbrochen von Reisen, von denen eine sie nach Baden-Baden, in die Schweiz und nach Italien führt. Inzwischen war der Roman der Lady Chatterley erschienen und sorgte für entsprechendes Echo, parallel dazu verschlechtert sich der Gesundheitszustand von H. D. Lawrence, der am 2. März 1930 in Vence in Südfrankreich stirbt und dort auch beigesetzt wird.

Das Grab von Lawrence wird man allerdings nicht finden, denn Frieda lässt ihren Mann exhumieren und seine Asche in die USA verbringen, wo sie ihm direkt bei der „Kiowa Ranch“ eine Gedächtniskapelle errichten lässt. In den Zement, aus dem der Altar gebildet wurde, ist die Asche eingearbeitet. Die kleine Kapelle ist mit einem aus den Flammen aufsteigenden Vogel Phönix verziert, dem selbstgewählten persönlichen Sinnbild von D.H. Lawrence.

Frieda verbringt die letzten 26 Jahre ihres Lebens zusammen mit ihrem dritten Mann Angelo Ravagli in Taos, bis sie am 11. August 1956, genau an ihrem 67. Geburtstag, stirbt und gemäß ihrem Wunsch vor der Gedenkkapelle beigesetzt wird. Die „Lawrence-Ranch“ kann bei San Cristobal besichtigt werden ebenso wie die von ihm gemalten Bilder mit erotischen Motiven in Taos.

„Gewiss“, schreibt Friedas Biograph Robert Lucas, „wäre Lawrence auch ohne Frieda einer der bedeutendsten Schriftsteller des Jahrhunderts geworden, aber er hätte kaum Lady Chatterley’s Lover geschrieben.“

DER SKANDALROMAN

1928 veröffentlichte der englische Autor David Herbert Lawrence (11. September 1885 – 2. März 1930) seinen skandalumwitterten Roman „Lady Chatterley’s Lover“, der kurz nach seinem Tode auch in deutscher Sprache erschien. Lawrences Werk dreht sich immer um die, durch die Zivilisation eingeschränkte, freie und natürliche Entfaltung der Persönlichkeit. Besonders die für die damaligen Verhältnisse recht freizügig beschriebenen erotischen Szenen zwischen Lady Connie Chatterley, die von ihrer Ehe mit Clifford frustriert ist, und ihrem „Lover“ Oliver Mellor brachten dem Autor den Vorwurf der Obszönität, der Pornographie und „einer Verherrlichung des Ehebruchs“ ein. Noch bis ins Jahr 1960 zogen sich gerichtliche Auseinandersetzungen zur zensurfreien Herausgabe des Buches hin.

Ein Artikel von: BEATE KIEREY, M.A.,
pressebüro mwk, Lassbergstr.24, 79117 Freiburg
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